Interview zur Finanztransaktionssteuer: Andrea Unger, Italien, System-Trader (Trading-Weltmeister 2008 & 2009 & 2010 & Q4 2012)

Sebastian: Schön, dass Du mir ein kurzes Interview zur Finanztransaktionssteuer geben kannst. Kannst Du bitte unseren Lesern etwas über Deinen Hintergrund als Trader erzählen?

andrea_ungerAndrea: Ich handle seit mittlerweile über 12 Jahren. Mein Spezialgebiet liegt in der Erstellung von automatischen Handelssystemen, die ich in unterschiedlichen Märkten (Rohstoffe, Devisen, Indizes und Zinsen) einsetze. Dabei kommen auch teils sehr verschiedene Handelsansätze zum Tragen, die von sehr kurzfristigen bis hin zu langfristigen Strategien reichen.

Sebastian: In Italien gibt es bereits eine Finanztransaktionssteuer. Schränkt das Deinen Handel von Futures und Aktien ein?

Andrea: Die Ausgestaltung der italienischen Finanztransaktionssteuer ist sehr ungewöhnlich. Ziel sollte ursprünglich die Bestrafung der „bösen Spekulanten“ sein. Man wollte diese an den Kosten der Finanzkrise beteiligen und zukünftige Krisen verhindern. In der Praxis ist es jedoch so, dass jeder außer den „bösen Spekulanten“ bestraft wird. Die Steuer ist nur auf wenige Aktien ausgerichtet und fällt auch nur dann an, wenn man Positionen über Nacht hält. Obwohl die Finanztransaktionssteuer auch auf Termingeschäfte wie Futures übertragen wurde, sind die Kosten derart gering, dass es Niemanden wirklich stört. Solange die Finanztransaktionssteuer in Italien in ihrer derartigen Form bestehen bleibt, gibt es keinerlei Handelseinschränkungen für mich.

Sebastian: Wenn sich Frau Merkel durchsetzt, dann wird die Finanztransaktionssteuer noch viel härter. Eine komplette Besteuerung von Derivaten mit 0,01 Prozent wird  in elf Ländern erfolgen. Siehst Du hier Probleme für Deinen Handel?

Andrea: Diese Form der steuerlichen Ausgestaltung wäre definitiv deutlich schwieriger für mich. Ich bin zwar kein Hochfrequenz-Händler, doch eine Besteuerung von 0,01 Prozent bei Derivaten würde große Teile meines Gewinns vernichten. Die Systeme und damit die gesamten Strategiekörbe wären weniger robust und deutlich anfälliger für Verluste. Die Konsequenz wäre eine Umstellung der Systeme auf andere Märkte und andere Strategien. Ich habe bereits Strategien für diesen Fall entwickelt, handle diese jedoch noch nicht, da mir die Ansätze selbst nicht gefallen. Sollte die Steuer jedoch kommen, müsste ich reagieren und meinen Handel anpassen.

Sebastian: Sollte aus Deiner Sicht in den Handel eingegriffen werden um Finanzkrisen zu verhindern oder reguliert sich der Markt ohnehin langfristig von alleine?

Andrea: Ich bin kein Fan einer Finanztransaktionssteuer, da ich selbst nicht daran glaube, dass man destabilisierende Spekulationen mittels einer Steuer in den Griff bekommen kann. Damit Märkte negativ beeinflusst werden, muss mit enormen Summen spekuliert werden. Unternehmen und Personen die derartige Beträge kontrollieren und in die Märkte geben können, haben auch das Know How eine Finanztransaktionssteuer problemlos zu umgehen. Nicht die normalen Trader die ihren Lebensunterhalt verdienen sind das Problem sondern meist wenige Hedge Fonds mit Milliardenbeträgen. Diese kann man jedoch kaum kontrollieren.

Sebastian: Hast Du spezielle Maßnahmen geplant wenn die Finanztransaktionssteuer kommt? Umzug in ein anderes Land oder Handel anderer Märkte?

Andrea: Ich lebe in Italien und werde meinen Lebensmittelpunkt auch nicht aufgrund des Trading verlagern. Auch der Handel anderer Märkte könnte schwierig sein, je nachdem worauf die Finanztransaktionssteuer anfällt. Daher bleibt mir wahrscheinlich nichts anderes übrig als mit längerfristigen Strategien und größeren Positionen zu arbeiten, um die Steuer zu kompensieren.

Sebastian: Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast!

Andrea: Ich danke Dir für Deinen Einsatz mit Deiner Seite um allen Tradern eine Stimme zu geben! So etwas gibt es bisher leider überhaupt nicht!

 

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2 Gedanken zu “Interview zur Finanztransaktionssteuer: Andrea Unger, Italien, System-Trader

  1. Mich würde interessieren, ob der Handel von BTP-Futures an der Eurex besteuert wird als deutsches Unternhemen oder deutsche Privatperson.

    Vielen Dank.

  2. So wie es aussieht, werden alle Derivate besteuert. Aufgrund des Ausgabe- und Herkunftsprinzips bezahlt man als Anässiger der Teilnehmerländer der Transaktionssteuer auf alles. Egal ob man in Deutschland handelt oder auch im nicht teilnehmenden Ausland.

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