Sebastian: Danke, dass Du mir ein Interview gibst.  Kannst Du bitte unseren Lesern etwas über Deinen Hintergrund als Trader erzählen?

KarinRoller_Klein_1Karin: Ende letztes Jahrtausend wurde ich vom Börsenvirus infiziert. Der Einstieg damals erfolgte mit klassischen Aktien, dann kamen mit der Zeit Derivate hinzu – und hängen geblieben bin ich vor einigen Jahren an der Forex. Währungshandel ist stark technisch geprägt, so dass ich als Technische Analystin mit Ichimoku und Fibonacci meine „Spielwiese“ gefunden habe.

Sebastian: Du handelst primär Devisen, wird es hier Einschränkungen für Dein Trading geben aufgrund der Finanztransaktionssteuer geben?

Karin: Insbesondere beim Devisenhandel am Spotmarkt gibt es zwei diametral auseinandergehende  Meinungen: Die einen sagen FTT-pflichtig, die anderen sagen nicht FTT-pflichtig … wäre natürlich schön, wenn nicht FTT-pflichtig (FTT = Financial Transaction Tax).

Aber davon abgesehen wird diskutiert, dass Unternehmen, die Währungsrisiken hedgen, von der FTT ausgenommen werden sollen  …. gleiches gilt für die Fondsbranche.  Das ist eine krasse Ungleichbehandlung – die Großen lässt man wie üblich laufen.

Angenommen, der Handel am Devisen-Spotmarkt ist FTT-pflichtig, dann ist die Rechnung relativ einfach. Bei einem Lot = 100.000 Euro werden (vermutlich) 0,01% = 10 Euro je Half Turn fällig, für den Round Turn also 20 Euro. Da ich nicht scalpe, sondern trendfolgend unterwegs bin und gerne mal ein paar duzend Pips mitnehme, macht das eigentlich nicht so viel aus.

Nach meinem jetzigen Kenntnisstand ist es aufgrund der in die FTT eingebauten Steuervermeidungsstrategien von Deutschland aus kaum bis gar nicht möglich, als privater Trader die FTT zu umgehen. Ein Lichtblick ist, dass Finanzminister Schäuble für den Bundeshaushalt 2014 noch keine Einnahmen aus der FTT geplant hat und dass auch noch in Brüssel über die Ausgestaltung diskutiert wird.

Die Hoffnung stirbt zuletzt  – insbesondere an der Börse!

Sebastian: Was hältst Du grundsätzlich von einer Finanztransaktionssteuer?

Karin: Nichts.

Für mich ist die FTT erstens nur Wahlkampftheater und zweitens eine Steuer mehr, über die die klammen Regierungen  versuchen, ihre Haushalte zu sanieren, anstatt sinnvoll zu sparen.

Blicken wir mal 111 Jahre zurück: 1902 wurde die Schaumweinsteuer eingeführt. Damit sollte die kaiserliche Flotte finanziert werden. Die kaiserliche Flotte gibt es längst nicht mehr – die Steuer ist aber bis heute geblieben. Ist eine Steuer erst einmal eingeführt, dann bleibt sie uns auch erhalten. Der Soli ist auch ein gutes Beispiel dafür. Der wurde 1991 eingeführt – als temporäre Steuer. 23 Jahre später zahlen wir immer noch …

Zurück zur FTT: Die soll eingeführt werden, um die Finanzmärkte zu stabilisieren. Wie soll eine Transaktionssteuer die Finanzmärkte stabilisieren? Sicher – margenarmer Hochfrequenzhandel wird eingedämmt, auch Scalper müssen sich womöglich eine neue Strategie suchen. Aber stabilisiert das die Finanzmärkte?  Zumal von den „Großen“ für die Großen der Branche Ausnahmen gefordert werden.

Die FTT durchgerechnet auf einen FDAX-Kontrakt sieht so aus: Besteuert wird der Nominalbetrag. Angenommen, der FDAX steht bei 8.000 Punkten, dann sind das 200.000 Euro Nominal. Davon 0,01% macht je Transaktion 20 Euro, für einen Round Turn damit 40 Euro. Also knapp zwei Punkte im FDAX. Da muss jeder seine Strategie daraufhin abklopfen, ob sie sich tatsächlich noch lohnt. Die FTT muss immer abgeführt werden – egal ob der Trade im Gewinn oder im Verlust endet. Und die Gewinne werden über weitere Steuern abgeschöpft.

Sebastian: Sollte aus Deiner Sicht von staatlicher Seite aus in den Handel eingegriffen werden um Finanzkrisen zu verhindern oder reguliert sich der Markt ohnehin langfristig von alleine?

Karin: Finanzkrisen können nicht mit einer Transaktionssteuer verhindert oder finanziert werden. Da müssen die Finanzinstitute zu wesentlich mehr Transparenz gezwungen werden und deren zum Teil dubiosen Geschäfte reguliert werden. Das Risiko muss der Kapitalbasis angepasst werden. Ich drücke das sicher laienhaft aus, aber nehmen wir beispielsweise einen privaten Trader, der sich überhebelt und sein Konto platt gemacht hat. Der ist pleite! Der Staat springt nicht ein und schießt auch kein Geld zu, so dass er mit seiner schlechten Strategie und schlechtem Risk- und Moneymanagement weitermachen kann!

Aber die Finanzinstitute sind „Systemrelevant“ und  „too big to fail“ – und dürfen locker flockig weitermachen mit ihrem schlechten Geschäftsmodell. Die Gewinne werden privatisiert und die Verluste werden sozialisiert.  Und keiner traut sich, die Notbremse zu ziehen – außer Island vielleicht. Und solange die Regierungen einspringen und pleite gegangene Finanzinstitute retten, gibt es auch keinen Grund für die anderen, etwas am Geschäftsmodell zu ändern.

Sebastian: Hast Du spezielle Maßnahmen geplant wenn die Finanztransaktionssteuer kommt? Umzug in ein anderes Land oder Handel anderer Märkte?

Karin: Der Umzug in ein warmes Land ist sicher eine Option, um dem kalten Wetter zu entgehen. Aber die FTT kann damit alleine nicht umgangen werden. Durch das Ansässigkeitsprinzip und das Ausgabeprinzip sollen Steuervermeidungsstrategien verhindert werden. Es entsteht die Steuerschuld, sobald eine der Transaktionsparteien in einem der teilnehmenden Mitgliedsstaaten ansässig ist, beziehungsweise wenn das gehandelte Finanzprodukt von einem der teilnehmenden Staaten ausgegeben wurde. Sobald also zum Beispiel der FDAX oder der Bund-Future der EUREX gehandelt wird – egal von wem und wo – wird die FTT fällig – das ist das Ausgabeprinzip. Den Bund vom sonnigen Hawaii aus zu handeln ist also FTT-pflichtig. Genauso FTT-pflichtig ist es allerdings, wenn ich von Deutschland aus den S&P Future handle – das ist das Ansässigkeitsprinzip. Erst wenn keiner der an der Transaktion Beteiligten in einem der teilnehmenden Staaten ansässig ist und ebenso das Produkt, dann besteht keine FTT-Pflicht. Hawaii mit US-Broker und S&P Future wäre also FTT-frei.

Wenn es bei der geplanten Ausgestaltung der FTT bleibt, ist es als privater Trader nicht einfach,  der FTT zu „entgehen“.  Geht nur über Umzug und andere Märkte … aber insbesondere ein Umzug muss wohl überlegt sein. Und dann muss die FTT erst noch beschlossen und umgesetzt werden.

Sebastian: Vielen Dank für das Interview!

Interview zur Finanztransaktionssteuer mit Karin Roller, Deutschland, Vorstandsmitglied VTAD e.V.

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Ein Gedanke zu “Interview zur Finanztransaktionssteuer mit Karin Roller

  1. zum thema FTT auf forex gibt es eine stellungnahme des Institute of International Finance (link liegt mir leider nicht vor). forex-SPOT-geschäfte unterliegen NICHT der FTT. alle anderen wie swaps, forwards und wie sie alle heißen (oder auch forex-cfds) unterliegen der FTT.
    heißt für mich: sofern es beim aktuellen kommissionsentwurf bliebe, wären trades mit einer haltedauer von max. 2 (bankarbeits-)tagen (=frist für erfüllung des geschäfts um unter die defintion „spot“ zu fallen) nicht betroffen.
    andere geschäfte mit einer haltedauer von mehr als 2 tagen wären den termin-/derivatgeschäften zuzuordnen und FTT-pflichtig.
    ob sich das in die individuelle handelstrategie als erhöhte kosten (rund 2 pips per roundturn) integrieren lässt … für mich wäre es problemlos.

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