Sebastian: Danke, dass Du Dir Zeit nehmen konntest für ein Interview.  Kannst Du bitte unseren Lesern etwas über Deinen Hintergrund als Trader erzählen?

rene_WolframRené: Ich bin seit nunmehr 15 Jahren an den Märkten aktiv, seit 10 Jahren lebe ich hauptberuflich von der Börse. Ich handele auf verschiedenen Zeitebenen, in verschiedenen Märkten mit unterschiedlichen Strategien und versuche so, die Dynamik der Märkte zu adaptieren und aus der Vielzahl der sich bietenden Möglichkeiten das Optimum herauszuholen.

Sebastian: Wird Dein Handel durch die Einführung einer Finanztransaktionssteuer betroffen sein? Falls Ja, welche Auswirkungen wird es geben?

René: Ich denke, die Auswirkungen für mich werden verglichen mit reinen Daytradern und Scalpern eher moderat negativ ausfallen. Bei den meisten meiner Setups ziele ich auf Gewinnspannen ab, die groß genug sind, um eine drastische Steuer zu kompensieren. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich natürlich auch für mich bestimmte Geschäfte nicht mehr lohnen und ich somit meine Handelsfrequenz eher zurückfahren werde.

Sebastian: Was hältst Du grundsätzlich von der Einführung einer Steuer in dieser Form?

René: Es ist gelinde gesagt ganz großer Unsinn und sie wird genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie eigentlich bewirken soll. Der Handel wird viel illiquider werden, weil sich große Gruppen aus dem Markt zurückziehen werden. Die Folge wird sein, dass wir im schlechtesten Fall Verhältnisse bekommen, wie an Provinzbörsen. Die Gefahr von irrationalen Bewegungen ist dann viel größer. Schließlich sind es einzig und allein professionelle Trader, die selbst in hektischen und riskanten Phasen bereit sind, Liquidität in den Markt zu schießen. Vertreibt man sie vom Marktgeschehen, macht man die Märkte nicht ruhiger, sondern unnötig hektischer und schwieriger kalkulierbar. Es passt aber absolut in das Bild der bisherigen Krisenpolitik, die immer wieder daraus bestand, dass man ein Feuer mit Brandbeschleuniger zu löschen versuchte.

Sebastian: Sollte aus Deiner Sicht in den Handel eingegriffen werden um Finanzkrisen zu verhindern oder reguliert sich der Markt ohnehin langfristig von alleine?

René: Märkte regulieren sich selbst. Das war schon immer so und wird auch immer so sein. Die Frequenz mit der es zu immer neuen Blasenbildungen und Crashs kommt, nimmt doch erst zu, seitdem die Zentralbanken und immer stärker auch die Politik eingreifen. Durch das Intervenieren werden kranke Wirtschaftszweige künstlich am Leben gehalten, was effektiv den gesunden Zweigen Kapital abzieht. Liquiditätsüberschüsse fließen überwiegend nicht in die Realwirtschaft, sondern werden von den Banken dazu genutzt, um Geschäfte zu tätigen, die sie wahrscheinlich nicht machen würden, wenn sie das Risiko tatsächlich selbst tragen müssten. Wenn die nächste Blase platz – und das wird sie so sicher wie das Amen in der Kirche – gehen Politik und Zentralbanken die Möglichkeiten aus, gegenzusteuern. Wo sich der Staat dann bedienen kann, muss und vermutlich auch wird, kann sich ja jeder am Beispiel Zypern ausrechnen.

Sebastian: Hast Du spezielle Maßnahmen geplant wenn die Finanztransaktionssteuer kommt? Umzug in ein anderes Land oder Handel anderer Märkte?

René: Auswandern wegen der Finanztransaktionssteuer ganz sicher nicht. Die Verwendung unserer Steuergelder und die Lügengeschichten, die den unbedarften Bürgern aufgetischt werden, wären eher Gründe, dem Land den Rücken zu kehren. Doch meine Familie lebt hier, meine Freunde leben hier – deshalb würde ich den Wohnsitz nicht ins Ausland verlegen. Was die Märkte angeht, so handele ich schon jetzt zu 85% in Dollar und an den amerikanischen Terminbörsen gehandelte Futures. Ich werde auf kurze, schnelle Trades im FDAX verzichten, doch das mache ich bereits jetzt, so dass sich für mich aus aktueller Sicht nicht allzu viel verändern wird, wenn die FTS kommt. In anderen Ländern wurde sie recht schnell wieder zurückgenommen, als man gesehen hat, welche negativen Auswirkungen sie hat. Dies setzt Verstand und Reflektionsvermögen bei den Entscheidungsträgern voraus. Die letzten 10 Jahre haben diese Merkmale nicht ganz so ausgeprägt erkennen lassen, weshalb ich sehr gespannt bin, ob man die Sache irgendwann kippt.

Sebastian: Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast!

Interview zur Finanztransaktionssteuer mit René Wolfram, Deutschland, Trader für multiple Märkte

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